Rödgen, ev. Johanneskirche

Orgel von Ernst Röver (Hausneindorf), 1899.


© Gabriel Isenberg, 18.12.2005
© Gabriel Isenberg, 18.12.2005

Seit dem sog. Mediationsrezess von 1651 wurde die Johanneskirche auf dem Rödgen bei Wilnsdorf simultan genutzt. Anstelle der alten, wegen Baufälligkeit abgerissenen Kirche, errichtete man 1779–82 die heutige evangelische Kirche, die zunächst noch simultan genutzt wurde, bis die katholische Kirchengemeinde auf der anderen Seite des Turmes 1787/88 ihr eigenes Kirchenschiff anbaute. Die Rödgener Doppelkirche zählt zu den wichtigsten Baudenkmälern der Siegerländer Kirchengeschichte.

Die erste Orgel in der Simultankirche wurde 1680 angeschafft. Einer Notiz von 1781 zufolge stammte sie aus Kirchhundem, von wo sie durch die katholische Gemeinde angekauft worden war. 1750 wurde die Orgel auf Kosten der evangelischen Gemeinde repariert. Beim Abriss der Kirche baute der Orgelbauer Arnold Boos aus Niederndorf die Orgel ab und lagerte sie im Pfarrhaus ein. Nach der Fertigstellung der neuen Simultankirche kam es 1781 allerdings zu Streitigkeiten um die die eingelagerte Orgel, deren Besitzverhältnisse offenbar nicht geklärt waren. Einer Aktennotiz von 1786 zufolge heißt es, die Frage der Orgel habe sich erledigt. Für den evangelischen Teil der Rödgener Kirche schaffte die Gemeinde 1793 eine gebrauchte Orgel an, die Georg Heinrich Wagner (Lich) 1657 für die Stadtkirche Biedenkopf erbaut hatte – bei der Aufstellung in Rödgen wurden offenbar Klaviaturumfang und Disposition erweitert.

1858 erfolgte ein Orgelneubau durch Friedrich Weller aus Wetzlar. Über dieses Instrument sind keine genaueren Angaben bekannt. Die alte Orgel wurde von Weller übernommen und in der ev. Kirche in Neukirch im Westerwald aufgestellt. 1864 ist eine Reparatur der Weller-Orgel durch den Orgelbauer Adolph Rieschick nachgewiesen.

Die Weller-Orgel hatte nicht lange Bestand. Durch ein großzügiges Vermächtnis der Industriellenfamilie Hoffmann in Eisern in Höhe von 4000 Mark konnte 1899 schließlich eine neue Orgel angeschafft werden, die von der Orgelbauanstalt Ernst Röver aus Hausneindorf für rund 6000 Mark geliefert wurde. Das am 20. August 1899 eingeweihte Instrument erhielt 17 Register und war mit dem von Röver entwickelten pneumatischen Kastenladensystem ausgestattet.

1939 erfolgte eine Reinigung und Instandsetzung durch die Fa. Paul Faust (Schwelm), wobei auch ein elektrisches Kreiselgebläse eingebaut wurde. Starke Eingriffe in die historische Substanz nahm die Fa. Emanuel Kemper & Sohn (Lübeck) im Jahr 1958 vor: Durch die neobarocke Umgestaltung der Disposition fielen einige grundtönige Register wie Gambe 8', Geigenprincipal 8' und Violon 16' weg.

Zum 100-jährigen Jubiläum der Orgel führte die Siegener Orgelbauwerkstatt Hans Peter Mebold 1999 eine Teilrestaurierung durch. Die verlorenen Register wurden nach dem historischen Röver-Vorbild der Orgel in Daaden rekonstruiert (als Zugeständnis an die Arbeiten von Kemper wurde allerdings dessen Register Octave 2’ und Sesquialter beibehalten). Außerdem konnte der Rödgener Gemeinde 1999 ein lang ersehnter Wunsch erfüllt werden: Das 1899 aus finanziellen Gründen nicht eingebaute Zungenregister Corno 8’ (das von Röver sonst nur in der evangelischen Baptistenkirche in Moskau erhalten ist) konnte nun nach historischen Vorbildern hinzugefügt werden.

Die Rödgener Orgel ist eines der wenigen weitgehend unverändert erhaltenen Instrumente der Werkstatt Rövers. Besonders wertvoll sind die originalen Prospektpfeifen, die beide Weltkriege überlebten. Das präzise pneumatische Kastenladensystem versieht auch nach über 100 Jahren noch seinen Dienst mit den originalen Ledermembranen.

Die Orgel steht auf der Empore über Kanzel und Altarraum. An der linken Seite ist der Spieltisch angebaut, in dem die Registerzüge in einer Reihe über dem Obermanual angelegt sind; schiebt man sie nach unten, so ist das Register eingeschaltet. Unter dem I. Manual befinden sich fünf Metallstifte für Auslöser und vier feste Kombinationen (zu diesen können jeweils manuell Register hinzugezogen werden). Unter dem Röver-Firmenschild auf der rechten Seite des Spieltischs ist ein Metallstift angebracht, über den ein kleines Glöckchen bei der auf der Empore hinter der Kanzel liegenden Balganlage als Kalkantenruf bedient werden kann. Die Pedalkoppel I ist bei eingeschalteter Manualkoppel durchkoppelnd. Die Oktavkoppel gilt für alle Register, die auf dem I. Manual gespielt werden (also auch für die Register des II. Manuals, wenn sie auf das I. gekoppelt sind). Im Pedal hat die Oktavkoppel keine Wirksamkeit. Die Oktavkoppel ist nach oben nicht ausgebaut.

I. HAUPTWERK | C–f³

Principal 8'

Bordun 16' (ab G)

Gambe 8'

Offenflöte 8'

Octave 4'

Octave 2'

Sesquialter 2f.

Mixtur 3fach

Manual Coppel

Manual Octav Coppel

II. NEBENWERK | C–f³

Geigenprincipal 8'

Gedackt 8'

Corno 8'

Flöte 4'

Gemshorn 4'

PEDAL | C–d¹

Subbass 16'

Violon 16'

Oktavbass 8'

Flötenbass 8'

Pedal Coppel I.

Pedal Coppel II.


Feste Kombinationen (p, mp, mf, Tutti, Aus), Kalkantenruf.

Pneumatische Kastenlade.

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D-57234 Wilnsdorf-Obersdorf/Rödgen | Höhenweg 6


Quellen und Literatur: Gabriel Isenberg, Orgellandschaft im Wandel (Teil 2): Orgelinventar des Kreises Siegen-Wittgenstein von den Anfängen bis 1945, in: Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde, Bd. 98 (2020), S. 83–225, hier S. 149–151 ⋄ Eigener Befund.

Nr. 81 | Diese Orgel habe ich zum ersten Mal am 14.01.2000 gespielt, danach mehrfach bei Konzerten und Gottesdiensten.
© Dr. Gabriel Isenberg | Letzte Änderung: 16.02.2025.